|
2010: Das Jahr der Alkoholprävention * Artikelreihe zum Thema:
1) Verbote oder Vorbilder?
2) Verkauf von Alkohol
3) Missbrauch und Abhängigkeit
4) Alkohol im Straßenverkehr
5) Gewalt unter Alkoholeinfluss
6) Informationen und Hilfen
Die Veranstaltungsreihe inklusive der Artikel zum Thema entstand in Kooperation der Stadtjugendreferentin mit den Jugendhilfeträgern Jugendhaus e.V., Waldhaus Hildrizhausen gGmbH, Verein für Jugendhilfe BB, Polizei, Gesamtelternbeirat und dem Suchthilfezentrum.
Teil 1: Verbote oder Vorbilder?
Jugendliches Rauschtrinken - nachhaltige Prävention und gesellschaftliche Verantwortung
Jugendliche trinken immer früher und immer exzessiver Alkohol. Leider ist diese problematische Entwicklung nicht nur ein Vorurteil. Die Zahl der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäusern des Landkreises Böblingen eingeliefert wurden, hat sich zwischen 2001 und 2007 fast vervierfacht. Der Ruf nach einer schnellen und wirksamen Alkoholprävention ist demzufolge nicht unbegründet.
Nächtliche Alkoholverkaufsverbote, die Besteuerung von Alkopops oder das mittlerweile gerichtlich gekippte Alkoholverbot in der Freiburger Innenstadt sind allesamt Versuche, das Alkoholproblem per Gesetz zu lösen. Ob diese Maßnahmen Jugendliche in ihrer Rebellionsphase wirklich vom Trinken abhalten, ist offen. Und es darf hinterfragt werden, ob hierdurch die Ursachen des Problems wirklich nachhaltig gelöst werden. Die professionelle Jugendarbeit verfolgt durch ihre Präventionsangebote den Ansatz, die Ursachen dieses Problems anzugehen und die Eigenverantwortung von jungen Menschen zu stärken. Denn in der pädagogischen Praxis haben sich besonders Ansätze, die den totalen Alkoholverzicht anstreben, als lebensfremd und ineffektiv erwiesen. Junge Menschen nutzen realistische Vorbilder mehr als moralisierende Vorbeter. Doch selbst gute Präventionsprogramme sind nur dann wirksam, wenn engagierte Pädagogen diesen Auftrag aktiv umsetzen. Ebenso unverzichtbar sind verbündete Mitstreiter * Menschen aus unserem Gemeinwesen, die die Präventionsidee zusätzlich weitertragen.
Grundsätzlich ist die alkoholfreie Gesellschaft ein hehres, doch leider kein realistisches Ziel, denn wir haben eine gesellschaftlich tief verankerte Trinkkultur. Viele Erwachsene sind ein Teil des aktuellen jugendlichen Trinkproblems. Erwachsene produzieren, bewerben, verkaufen, konsumieren und ritualisieren Alkohol. Ob Pferdemarkt, Straßenfest oder Stehempfang * Alkohol gehört fast immer dazu. Jugendliche werden in unserer trinkenden Kultur sozialisiert. Und Jugendliche neigen dazu, die Lebenswelt der Erwachsenen zu kopieren und zu überzeichnen. Der Vollrausch dient Jugendlichen als falsch verstandenes Initiationsmittel und wird als Ausdruck des eigenen Erwachsenseins fehlinterpretiert. Zusätzlich wird der Alkoholmissbrauch durch Medienberichte als Sensation vermarktet und hierdurch unbewusst verherrlicht.
Gewiss trägt jeder jugendliche Komasäufer Verantwortung für sich selbst, dennoch kann sich die Erwachsenenwelt ihrer Verantwortung nicht entziehen. Eine selbstkritische und ehrliche Reflexion unserer Alkoholkultur und die bewusste und offene Wertschätzung der Jugendlichen sind die ersten Schritte, diesem Problem zu begegnen. Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter oder Polizei können dieses Problem leider nicht als Einzelkämpfer lösen. Oder wie es Erich Fromm formuliert: »Verantwortung ist keine Pflicht, die dem Menschen von außen aufgezwungen wird, sondern die Antwort auf etwas, von dem man fühlt, dass es einen angeht.« Text und Foto: Stadt Leonberg
|